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23.07.2026, 17:44:01

Pro Retina - Blindenführung im Schloss Charlottenburg

Berlin, 15. Juli 2026
Das Schloss Charlottenburg wird jährlich von sehr vielen Menschen besucht, die auch an Gruppenführungen teilnehmen. Doch noch nie gab es eine spezielle Führung für sehbehinderte und blinde Menschen. An diesem Mittwoch war das anders, denn die erste Schloss-Führung für blinde und sehbehinderte Menschen hatte ihre Premiere im Schloss. Die Selbsthilfevereinigung Pro Retina Berlin-Brandenburg hatte es geschafft solch eine Führung zusammen mit der Gästebetreuung zu organisieren.

Die Gästeführerin Gudrun empfing die Gruppe vor dem Schloss und erklärte einiges über die Geschichte des Schlosses und der Namensgeberin - Königin Sophie Charlotte von Preußen. Nach dieser Königin ist das Schloss und der Bezirk von Berlin benannt. Das Schloss hatte seine Grundsteinlegung und Baubeginn 1695. Es lag weit vor den Toren Berlins im Dorf Lietzow, welches dann in Lietzenburg und danach in Charlottenburg umbenannt wurde. Es war ein reines Sommerschloss und wurde nur im Sommer bewohnt. Das Schloss war ein Geschenk von König Friedrich I. von Preußen an seine Frau.

Zuerst bekamen die Gäste der Führung das Gebäude als Miniaturausführung zu Gesicht. Die blinden und sehbehinderten Gäste konnten das Modell mit ihren Händen begutachten. Gudrun erklärte die Teile des Gebäudes ganz genau.

Dann begann die eigentliche Führung durch das Erdgeschoß. Gudrun erklärte sehr bildreich die Inneneinrichtungen. So konnten sich die Blinden einen guten Eindruck von den Räumlichkeiten verschaffen. Die Vorstellung der Räume spielt sich hier ja in den Köpfen der Menschen ab. Auch Zwischenfragen waren erlaubt und gewünscht.

Sehr interessant war, dass es weder Flure noch Gänge gab. Auch Toiletten und Badezimmer waren Fehlanzeige. Es gab für die Königin lediglich ein kleines Bad neben dem Schlafgemach. Die Zimmer gingen fast ineinander über und waren nur durch eine Tür getrennt. Eine für damalige Zeiten übliche Bauweise, die aber sehr wenig Privatsphäre zuließ. Das Leben des Königpaares war sehr öffentlich.
Die Hygiene und das Toilettenwesen wurde auf Nachfrage dann von Gudrun ausführlich erklärt. Damals gab es einen Stuhl und andere Utensilien für solche "Geschäfte". Daher rührt noch der Name Stuhlgang. Gewaschen wurde sich auch nicht richtig. Der Adel "wusch" sich mit Parfüm, die Haare mit Mehl und trug riesige Perücken und Kopfkratzer. Das Wasser war durch die in die Flüsse geworfene Abfälle stark verschmutzt, deshalb tranken die Menschen Bier und Wein - außer es gab einen sauberen Brunnen oder eine Quelle.
Also mancher Obdachloser hat heute mehr Hygiene als der Adel vor 300 Jahren.

Gudrun erzählte zwischendurch noch mehr aus der Historie der Königin, ihrer Nachfahren (Friedrich der Soldatenkönig und Friedrich der Große) und über das schöne Schloss. Es wurde anfangs in Barock erbaut und dann im Rokoko-Stil weitergebaut. Barock ist bei den Möbeln mit großen Möbelfüßen zu erkennen. Rokoko hat dagegen schmale/schlanke Möbelfüße.
So erfuhren die Führungsgäste, dass ihr Mann als "Schiefer Fritz" bekannt war, weil er einen Hüftschaden hatte. Sophie Charlotte kam aus dem Fürstenhaus Hannover, dass ja schon Jahrhunderte lang England regiert, weil einst ein deutscher Verwandter König von England wurde. Die Adligen der damaligen Zeit waren alle miteinander verwandt. Dort hat es seit dem 1. Weltkrieg aber den Namen Windsor.

Alle Pro-Retina-Gäste waren von der tollen Führung durch Gudrun begeistert und zollten großen Applaus.

Am 8. August gibt es von Pro Retina aus die nächste Blindenführung. Dann wird Schloss Branitz in Cottbus/ Brandenburg einen Besuch abgestattet. Am 12. August gibt es dann eine Führung durch das Jüdische Museum. Die Führung durch Schloss Charlottenburg war der Beginn von noch vielen geplanten Spezialführungen für blinde und sehbehinderte Mitglieder von Pro Retina Berlin-Brandenburg.

Bericht: Hans Peter Sperber



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